Donnerstag, 17. August 2017

Darf ich einen Jumpsuit tragen? - Nein, ich kann es!

Ich bin zu Wordpress umgezogen.

Auf http://derdiedaspunkt.wordpress.com ist der Beitrag zu lesen.  


Wie passt mein folgender Wortbeitrag zu meinem Jumpsuit? Nun, ich schreibe hier hauptsächlich über Mode aber auch immer wieder mal über andere Themen. Wer näht, schneidert, usw. verschliesst sich ja nicht von der Aussenwelt, näht sich nicht ein. Wenn ich nähe, höre ich oft Deutschlandfunk. Mal höre ich Musik oder aber gar nichts und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Also gehören diese Themen auch in einen Blog wie meinen. Manchmal fallen mir im Zusammenhang mit dem Kleidungsstück oder Nähprozess lustige Geschichten, manchmal schreibe ich wirklich nur über das, was ich gemacht habe und manchmal will ich meine Gedanken, die ich mir gemacht habe, auch äussern.
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Den Jumpsuit habe ich für diesen Text gewählt, weil er für mich für Flexibilität und Bewegung steht, aber auch für Veränderung. Er steht für mich persönlich als ein Symbol, das zu tragen, was mir gefällt, denn mein Partner findet keinerlei gefallen an Einteilern. Dennoch ziehe ich sie an, weil sie mir gefallen, selbst wenn ich mit meinem Partner zusammen unterwegs bin. Und er beschwert sich nie darüber, sondern unterstützt mich darin, dass zutun, was mir gefällt. Diese Art der Toleranz, Unterstützung für mich als Individuum, kannte ich vorher nicht. Ich gönnte sie mir selbst nicht. Ich wollte meinem Partner gefallen, Dinge tragen, die ihm gefallen obwohl er es nie verlangt hatte. (Kurze Anmerkung: Als ich dies schrieb, telefonierte ich mit ihm und erzählte ihm von diesem Text. Seine Reaktion darauf, dass ich anziehe, was ich will war: "Das ist doch selbstverständlich!" Leider habe ich es auch anders kennengelernt und darum schätze ich diese vermeintliche Selbstverständlichkeit sehr!)
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Den ersten "Klick" hatte ich, als mich mein Partner darauf aufmerksam machte, dass er ständig ein und dieselbe Fleecejacke trug, wenn er bei mir war und ich sagte ganz selbstverständlich, dass es mir egal sei.
Warum wendete ich auf andere Menschen Maßstäbe an, die für mich nicht galten? Warum war ich strenger mit mir, als mit meinen Mitmenschen? Und tatsächlich dauerte es für mich noch viele Jahre, bis ich diese Erkenntnis selbstbewusst umsetzen konnte. Seitdem habe ich immer wieder diese kleinen "Klicks" in meinem Kopf.
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Es war wiederum mein Partner, der mich auf eine andere Sache aufmerksam machte. Wenn ich bei ihm war, fragte ich oft, ob ich mir noch einen Kaffee, oder was auch immer machen/holen "darf". Irgendwann ging es ihm sichtlich auf den Senkel und er sagte mir ganz deutlich, dass ich doch bitte nicht mehr fragen soll. Und schon gar nicht, ob ich es "darf". Nach und nach formulierte ich um. Es gelang mir immer häufiger, zu fragen, ob ich "kann" (mittlerweile frage ich oft gar nicht mehr - ich sag eher: ich mach mir jetzt einen Kaffee, willst Du auch einen?)
Und tatsächlich sind es diese kleinen Dinge, die oft eine sehr große Wirkung haben.Im Zusammenhang mit der Aufnahme in Probenähteams wurde mir das alles aber noch einmal bewusster.
Wenn ein Schnittersteller zum Probenähen aufruft und man an dem Schnitt Interesse hat, bewirbt man sich dafür. Oft gibt es mehr Bewerber als Plätze im Team. Die Bewerbung läuft recht formlos, meist über Facebook oder auch Instagram, ab. Im Aufruf steht eigentlich immer, was der Schnittersteller wissen will. Man schickt die Informationen und wartet ab. Hat man Glück, wird man angenommen und es wird eine separate Probenähgruppe auf Facebook gegründet. Als nächstes kommen dann viele Posts von qualifizierten Näherinnen, die sich dafür bedanken, dass sie mitnähen "dürfen". Ich gehe aber eigentlich immer davon aus, dass der Schnittersteller sein Team nicht als "Untergebene" ansieht, denn es ist schließlich ein Team. Zudem erhält man für das Probenähen keine Vergütung, außer am Ende den ggf. korrigierten Schnitt und ein paar mehr Klicks auf seinen Internetpräsenzen. Es ist also ein Geben und Nehmen. Der Schnittersteller ist von einem guten Nähteam abhängig. Je anspruchsvoller der Schnitt, desto fortgeschrittener sollte das Team sein. Und wenn ich aufgenommen werde, ist es für mich eine Sache der Höflichkeit, sich dafür zu bedanken, so wie sich jeder Schnittersteller bei seinem Nähteam bedankt. Es kommt aber auf die Art und Weise an, wie man sich bedankt.
Ich stelle Euch mal beide Sätze im direkten Vergleich gegenüber und schaut bitte mal, welchen Unterschied in der Wirkung bei Euch bemerkt.
"Vielen Dank, dass ich mitnähen darf."
Vielen Dank, dass ich mitnähen kann."
Oder aber:
"Ich freue mich, ein Teil des Teams zu sein."
Ich mache das jetzt am Beispiel Probenähen fest, aber es gibt täglich so viele Situationen, wo einem dieser Unterschied nicht bewusst ist.
Und noch eine Frage an Euch: Wie häufig gebrauchen Männer diese Formulierung mit "dürfen"?
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Wenn wir etwas können, etwas gelernt haben, ob studiert, durch eine Lehre, Kurse oder autodidaktisch, dann können wir mit recht stolz darauf sein. Ich habe nie eine Schneiderlehre gemacht, habe aber mit ca. 6 Jahren meine ersten Nähmaschinenstichengenäht. Ich bin noch längst nicht perfekt, aber ich kann schon ziemlich viel, will dazulernen, Neues ausprobieren und bin seit relativ kurzer Zeit richtig Stolz darauf.
Ich habe jahrelang als Übersetzerin für Fernsehfilme und -serien gearbeitet. Hatte ich das je gelernt? Ein Sprachstudium absolviert? Nein. Konnte ich größere Auslandsaufenthalte nachweisen - auch nicht. Ich war lediglich mit einem Amerikaner verheiratet, der die deutsche Sprache nicht lernen wollte und ich habe generell eine Affinität zu Sprachen und bekam dennoch ausreichend Aufträge. Ich fing klein an. Mit wachsender Erfahrung bewarb ich mich damals in Hamburg bei allen ansässigen Synchronstudios und bekam an Ende von allen Aufträge, weil ich gut war. Nur das sah ich nicht. Mein eigentliches Ziel bestand damals darin, die eigentlichen Texte noch als Autor zu bearbeiten. Doch ich hielt mich für zu klein, zu schlecht, zu unqualifiziert. Jahre später sprach ich mit einem Freund, den ich im Studio kennengelernt hatte und er fragte mich, warum ich nie Autorin sein wollte. Ich war völlig perplex über diese Frage und noch erstaunter, als er mir sagte, ich hätte das Zeug dazu gehabt, hätte nur etwas sagen müssen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich das Übersetzen längst aufgegeben und war aus Hamburg weggezogen.
Das alles sind Stationen in meinem Leben, die ich jetzt fürchterlich bereuen könnte und ich habe es auch eine Weile gemacht. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo man sich sagen muss: "Ab jetzt ändere ich das!"
Als ich letztes Jahr intensiv mit dem Bloggen begann, war mir der Begriff "Probenähen" nicht bekannt. Nach und nach erfuhr ich, worum es dabei geht, traute mich aber nicht, mich jemals zu bewerben. Vor gut einem Monat stolperte ich über den ersten Aufruf, las die Bedingungen und bewarb mich sofort. Zu meinem ersten großen Erstaunen wurde ich in das Team aufgenommen. War es Anfängerglück? - Vielleicht auch. Aber diejenige, die mich für mein Probenähen aufnahm, kannte mein Profil. Und ich würde ihre Einschätzung, Ihre Erfahrung herabsetzen, wenn ich sagen würde, ich hatte lediglich Glück. Glück hätte ich letztlich dann gehabt, wenn ich in die engere Auswahl gekommen und ausgelost worden wäre. Aber allein in die engere Auswahl zu kommen, ist schon ein Erfolg.



Also steht zu Euren Fähigkeiten und Erfolgen, auch wenn sie Euch klein erscheinen mögen. Ihr habt viel erreicht, allein schon deshalb, weil Ihr damit angefangen habt. Ich bestaune immer wieder Nähergebnisse von Frauen, die erst seit kurzem Nähen. Wenn ich ihnen dann noch schreibe, wie großartig ihr Ergebnis ist, dann kommt manchmal die Antwort, dass sie doch im Gegensatz zu mir noch so klein und unerfahren sind.
Tatsächlich bin ich neulich in genau die gleiche Falle getappt. Ich schrieb im Juli mit einem Freund, der ein wunderbarer Illustrator und Künstler ist, dass ich mich ihm gegenüber so klein fühle. Seine spontane Antwort war, dass er mich überhaupt nicht so sieht, stattdessen meine "Kunst mit Stoff" bewundert. Er brachte meiner Arbeit den gleichen Respekt entgegen, den ich seiner Arbeit entgegenbringe.
Ihr seht, selbst wenn einem das einmal einleuchtet, dass man nicht klein und unerfahren ist - die alten Verhaltensmuster lauern in einem und schnappen jederzeit wieder zu. Es ist ein ständiges Überprüfen. Aber es lohnt sich.
In dem Zusammenhang komme ich jetzt endlich nochmal auf den Jumpsuit von Fashionmakery zu sprechen. Ich bewundere dieses Unternehmen übrigens sehr, weil es sich von anderen Designern absetzt und für mich auf neue Weise konsequent seinen eigenen Weg geht.



Im übertragenen Sinn hat mich der Jumpsuit mit einen Rückschlägen konfrontiert, die man durchaus auf seine innere Gedankenwelt anwenden kann. Als ich vor einigen Jahren wieder intensiv mit dem Nähen begann, wagte ich mich an Blazer. Ich liebe Blazer, weil sie stets eine gewisse Eleganz haben, egal was man drunter trägt. Dabei kam ich zum ersten Mal mit Pattentaschen in Berührung, die mich durchaus etwas nervös machten. Tatsächlich meisterte ich sie mit Bravour. Der Beweis dafür war die Aussage der Mutter meines Partners, eine gelernte Pelzschneiderin, dass die Taschen hervorragend geworden wären. Somit hatte ich den Beweis dafür, dass ich das wirklich kann. Ich nähte Patten- bzw. Eingrifftaschen ohne Probleme. Als ich den Jumpsuit begann, hatte ich gerade ein oder zwei Tage vorher eine solche Eingriffstasche an einer Hose genäht - wieder ohne Probleme. Und dann kam Variante 2 von Fashionmakery. Variante 1 des Jumpsuits ist mit normalen Taschen an der Seite. Variante 2 erfordert Eingriffstaschen mit Beleg. "Kein Problem, kann ich ja!" - dachte ich und machte mich daran. Ich weiß am Ende nicht, wie oft ich welchen Teil der Taschen wieder auftrennte. Es ging gar nichts mehr. Alles was man falsch machen kann, machte ich falsch. Ich hatte jegliche Orientierung mit diesen Taschen verloren und es war am Horizont auch kein Orientierungssinn zu sehen. Ich machte sogar das Unmögliche möglich und trennte bereits aufgeschnitte Taschen auf, um sie dann wieder anzunähen, mit dem Ergebnis, dass es wieder falsch war. Das hört sich alles verwirrend an, aber glaubt mir, es gab viele Möglichlichkeiten, diese Dinger falsch anzunähen und ich bin mir nicht mal sicher, ob ich teilweise den gleichen Fehler zweimal machte. Irgendwann machte ich Schluss und ging mit Freunden essen, um am nächsten Tag nochmal von vorne zu beginnen, indem ich ein Vorderteil nochmals zuschnitt. Mit höchster Konzentration nähte ich die Eingriffsleiste ein - diesmal richtig! Im nächsten Schritt die Taschenbeutel ... und die waren wieder falsch. Ich ließ die Seite so wie sie war (ihr müsst Euch das so vorstellen: der Eingriff in die Tasche war diesmal richtig, allerdings zeigten die Taschenbeutel nach oben anstatt nach unten.) Bei der nächsten Seite nähte ich jetzt genau gegensätzlich, um festzustellen, dass nach gefühlte 50 Versuchen endlich alles richtig war. So konnte ich die andere Seite angehen. Der Eingriff sass ja, wie gesagt, nur die Taschenbeutel "hingen" nach oben anstatt nach unten. Ich hätte jetzt alles abtrennen, neu zuschneiden und wieder annähen können, aber dazu hatte ich nach dem Frust vom Vortag keine Lust mehr. So schnitt ich sie knappkantig ab und drehte sie um. War ja eh alles innen, wo es keiner sieht außer mir. Und wenn ich heute in die Taschen greife, weiß ich nicht mal mehr, welche die "Problemtasche" ist. Ich müsste erst nachschauen.
An diesem Beispiel, um letztlich den Kreis zu schließen, seht Ihr, dass man immer wieder an sich und seinen Fähigkeiten arbeiten muss. Das mag frustrierend wirken, aber es ist am Ende immer wieder ein Erfolg. Was immer man erlernt hat, muss stets trainiert werden. Dennoch gibt es Rückschläge, die man akzeptieren und sich besinnen muss. Auch wenn die Taschen am Eingriff am Ende nicht perfekt sind und ich mich darüber geärgert habe, ist es mittlerweile so gut wie vergessen.

Ich "darf" oder ich "kann" - es ist ein ständiges Training. Es gibt Rückschläge, aber man sollte sich darauf besinnen, dass man Möglichkeiten hat. Eure Talente, Eure Fähigkeiten habt Ihr Euch - wie auch immer - erarbeitet. Seid stolz darauf. Und wenn etwas nicht gelingt, besinnt Euch und zweifelt nicht an Euren Fähigkeiten. Rückschläge sind normal.
Mich würde sehr Eure Meinung dazu interessieren. Wie ist es bei Euch? Mögt Ihr mir darüber schreiben? Und gibt es Themen, die Ihr hier gerne lesen würdet? Eure Anregungen interessieren mich sehr. Und sollte es sich um sehr persönliche Themen handeln, die Ihr in den Kommentaren nicht gern öffentlich schreiben wollte, dann schreibt mir eine Email. Die Adresse findet Ihr unter "Das ist die".
Eure




Schnitt: Fashionmakery

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